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Sprache: Deutsch und Computer (1999)

 

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Deutsch und Computer
Sprachwandel durch Sprachpolitik und Computer
   Internationalization and Localization of Software
Impressum

 

Trotz Konrad Zuse und seiner Z-Rechner liegt die Wiege der modernen Computertechnologie in den USA, wo fast alle zukunftsweisenden Entwicklungen eingeleitet und durchgeführt wurden: die Trennung von Hard- und Software, die Entwicklung der Mikroelektronik und der integrierten Speicherchips, die Einführung solcher Programmiersprachen wie BASIC, COBOL, C, JAVA, von Betriebssystemen wie Unix, DOS, OS/2, Windows, ebenso die von Softwareentwicklungsmethoden. Dazu kommt die Marktmacht amerikanischer Computer- und Softwarefirmen wie IBM, Hewlett-Packard, Microsoft, Sun, Intel usw., die ihre ökonomischen Wurzeln in der massiven staatlichen Förderung dieser Technologien während des Kalten Krieges und der Entwicklung der Raumfahrt sowie in neuartigen Finanzierungskonzepten durch Risikokapitalgruppen haben.  Nur wenige deutsche Firmen können dem Paroli bieten: SAP z.B. mit seinen Wirtschaftsprogrammen, früher auch Siemens, das jedoch eine zu proprietäre Politik betrieben hat, um sich durchsetzen können.

Vor einigen Jahren wurden von den Anwärtern bestimmter Ausbildungsgänge, z.B. Systemprogrammierern, die Englischkenntnisse abgeprüft: Die Herstellerhandbücher für Rechner, Betriebssysteme und Programmiersprachen waren allesamt nur auf Englisch verfügbar, Software- und Datenbankentwickler auf englischsprachige Bücher angewiesen. Meistens wurden nur Endanwenderprogramme, wie die alten DOS-Textverarbeitungsprogramme und die späteren Officepakete, auch ins Deutsche übersetzt.

Mit dem rasanten Anwachsen des Heimcomputermarktes, beschleunigt durch die Verbreitung des Internets, ist jedoch ein Massenmarkt entstanden. Keine Softwarefirma, die auf diesem Markt wachsen will, kann es sich leisten, ihre Produkte nur noch auf Computer-Fachenglisch anzubieten. Die sprachlichen Schnittstellen zwischen Programm und Anwender (Menübezeichnungen, Meldungstexte, Onlinehilfetexte usw.) werden inzwischen in der Sprache der Wahl angeboten. Möglich ist dies, weil die Firmen ihre Entwickler dazu angehalten haben, Texte, die während des Programmablaufs irgendeine Rolle spielen können, in eigene Dateien zu packen, die je nach Bedarf ausgelesen werden. Die Programmabläufe selber sind sprachfrei, "internationalisiert" und damit für den globalen Markt einsatzfähig. Die Texte können nun landesspezifisch erarbeitet werden, ebenso Währungszeichen, Dezimalpunktregelung, Symbole aller Art. Dieser Teil der neuen Strategie heißt "Lokalisierung". Folglich werden die sprachlichen Teile von Programmen nicht mehr nur einfach übersetzt, der gesamte Programmablauf muß durchgetestet werden. Eine Neu-Kompilierung des Programms ist allerdings nun nicht mehr nötig; lediglich die Dateien mit den Texten und Bildern müssen als DLLs hinzukompiliert werden.

Mittlerweile ist es auch üblich geworden, Entwicklungsumgebungen wie VisualBasic von Microsoft oder Reportgeneratoren wie Seagates Crystal Reports / Info auch auf Deutsch auf den Markt zu bringen. Selbst Sharewareprogrammierer, deren Produkte einige Bedeutung erlangt haben, bemühen sich um einen deutschen Vertriebspartner, der sich zugleich auch um die angemessene deutsche Übersetzung kümmern soll.

Daß die Sprache der Bits und Bytes nach wie vor Englisch ist und somit immer wieder neue englischsprachige Termini auch ins Deutsche gelangen, hat einen einfachen Grund. Jede Übersetzung eines englischen Begriffs bedarf letztlich einer Übereinkunft, wenn sie nicht schon morgen überholt sein soll. Aber daß für "operating system" (Abkürzung: "OS") inzwischen "Betriebssystem" gesagt und geschrieben wird, die "database" nicht "Datenbasis", sondern "Datenbank" heißt, was möglicherweise an die Kontenführung einer Bank erinnern soll, verdankt sich nicht Übersetzern, sondern deutschsprachigen Informatikern und EDV-Praktikern, deren Begriffsbildung letztlich in die Allgemeinsprache übernommen wurde.

Damit erhalten einige deutsche Wörter neue Bedeutungen. Die "Adresse" in der EDV hat nichts mit Post, Name und Anschrift zu tun. Dahinter verbirgt sich die Speicheradresse, die auf der Ebene der maschinenlesbaren Programme einen bestimmten hexadezimalen Wert hat, auf der Ebene der "Hochsprache" - so heißen hier Programmiersprachen wie Pascal, C oder Java - einen "Namen" trägt, der seinerseits ein Symbol für die Speicheradresse ist.

Viele der neuen deutschsprachigen EDV-Begriffe stammen jedoch aus dem vertrieblichen Bereich der Computer- und Softwareanbieter.  

HS XD Professional 550K GL

Big Tower ATX mit Intel ®  Pentium ® III Prozessor 550 MHz
ASUS® Mainboard mit original Intel® BX Chipsatz
128 MB SDRAM
ATI Rage Fury mit Rage128 GL 2xAGP 32 MB Grafik
Terrarec PCI 3D-Soundkarte
20 GB Maxtor DiamondMax Plus 5120 Festplatte mit 7.200 rpm
40x Mitsumi TM CD-ROM-Laufwerk
Iomega Zip Drive inkl. Zip Disk (100 MB)
MicrosoftTM Intelli Maus®, Tastatur
MS Windows 98
Save to Zip Backup Software
McAfee Virenscanner (OEM-Version)
AOL Zugangssoftware

In einer beliebigen Computerzeitschrift oder auf der Homepage von Anbietern finden sich Anzeigen wie diese. Auffallend ist die Vielzahl an Abkürzungen wie "MB", "SDRAM", "rpm" oder "OEM". Dazu kommen unübersetzte Fachbegriffe wie "Big Tower", "Mainboard" und schließlich deutsch-englische Mischformen wie "Soundkarte", "Virenscanner" oder "Zugangssoftware", wobei die Wörter "Karte" oder "Zugang" eine neue Bedeutung erhalten haben. "Karte" ist eine rechteckige Platte aus nichtleitendem Metall, auf die elektronische Bausteine und Leitungen integriert sind, der "Zugang" in der Verbindung mit "AOL" (der Onlinedienst American Online) bezeichnet den Zugang zum Internet. Der aus der Medizin bekannte "Virus" ist hier ein Computervirus, der Dateien, den Startsektor der Bootfestplatte oder gar das BIOS infizieren kann.

Eine Arbeit der katholischen Universität Eichstätt, mit dem Titel "Wortschöpfungen in der Fachsprache der EDV" von Birgit Hoffmann (nicht mehr online zugänglich), befaßt sich genauer mit diesem Phänomen, insbesondere mit Abkürzungen, deren Sonderform der Akronyme ("BASIC" = beginners all-purpose symbolic instruction code), aber auch mit der Einpassung der Wörter in das deutsche Laut- und Flexionssystem. Siehe auch die Examensarbeit "Anlizismen in Informations- und Kommunikationstechnologie". Zum Sprachwandel durch die Medien und Computer siehe die Hinweise auf Grammatiken, Sprachwandel, Computer. Online-Wörterbücher, um die Bedeutung von bekannten oder neuen EDV-Begriffen herauszufinden, stehen auf Wörterbücher.

Wenn von Sprache und Computern die Rede ist, darf eigentlich der unter Fachleuten häufig verwendete Jargon nicht verschwiegen werden, der sich zuweilen so unfein anhört wie die "Jugendsprache" bzw. inzwischen auch Erwachsenensprache, in der Wörter wie "Scheiße" und "geil" etabliert sind. Wenn ein Rechner aufgrund eines Fehlers in einem Programm stehenbleibt, spricht man, je nach Schwere des Fehlers, von einem "Programmabsturz" oder gar "Systemabsturz". "Mein Rechner ist abgekackt" wird aber auch verwendet, und bei bestimmten Betriebssystemen kackt der Rechner so oft ab, daß die Sprache entsprechend gröber wird: "Mikroschrott" war schon zu Beginn der 90er Jahre bei Insidern beliebt.


Anlaß für diese Seiten war u.a. eine Wortliste, auf der Sprachschützer Vorschläge für die Ersetzung englischsprachiger EDV-Begriffe durch vermeintlich geeignetere deutsche machen. Wie schon oben angedeutet, werden sich solche Vorschläge ebensowenig durchsetzen wie manche professionellen Übersetzungen, die einfach falsch sind. In der DOS-Welt gab es Microsofts Word 5, das zwar mit deutschsprachigen Texten arbeitete, dabei allerdings zuweilen skurrile Bezeichnungen verwendete. "Übertragen" war ein Mißgriff, und trotz der Tatsache, daß es sich um ein deutsches Wort handelte, konnten nur Eingeweihte seine Bedeutung verstehen (heutzutage heißt der Menüpunkt "DATEI", das Untermenü "Öffnen"). Die Programme wurden zu der Zeit oft von EDV-Laien eingedeutscht, die u.U. eine hohe sprachliche Kompetenz hatten, sich jedoch weniger in der EDV auskannten.

Die Vorschläge der Sprachschützer sind weder von Sprach- noch von EDV-Kenntnissen getrübt und entlarven sich eigentlich selbst (Hier eine Auswahl).

Last Update: 16.09.12

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