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Sprache Deutsch: Folgen der Rechtschreibreform

 
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Die Folgen der Rechtschreibreform
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         1. Es gibt keine einheitliche Rechtschreibung der deutschen Sprache mehr

Nach inzwischen drei Reformvarianten seit 1996 geistern in den Texten - auf Papier oder auf dem Bildschirm - mehrere Rechtschreibungen umher. Während sich die Wiedereinführung der Heyse'schen ss-ß-Regelung, die 1901 auf der 2. Orthographischen Konferenz zugunsten einer einheitlichen Schreibweise des s-Lautes abgeschafft wurde, offensichtlich in vielen Köpfen als spezifisches Merkmal der reformierten Rechtschreibung festgesetzt hat, herrscht in vielen der übrigen Bereiche ein Regelchaos.

Freilich ist zu beobachten, daß eine orthographische Regel, die auf der Aussprache des Standarddeutschen beruht, nicht die zahlreichen Abweichungen von dieser sog. Hochlautung berücksichtigt. Langer oder kurzer Vokal? Heißt es also "Spaß" oder "Spass"? Zwar lernen fast alle Schüler in der Schule die deutsche Hochsprache. Der jeweilige Dialekt bestimmt dennoch die Hochlautung mit. So gibt es Deutsch mit Hamburger, Kölschem oder Leipziger Akzent. Und Vokale, die in dem einen Dialektraum kurz, in anderen lang gesprochen werden. 

Größtes Chaos herrscht bei der Zusammen- und Getrenntschreibung. "Der Kaufpreis wird Ihnen selbstverständlich zurück erstattet." So ein Aldi-Süd-Text vom 11.08.2011. Laut Duden heißt es jedoch "zurückerstatten". Ganz kraus wird es, wenn Nicht-Profis schreiben, wie jener Schüler am 11.07.2011 in der Online-Ausgabe der ZEIT: "Lehrer die gar nicht oder deutlich verspätet und unvorbereitet zum Unterricht erscheinen sind eine zu Mutung." Wo im Lexikon gibt es eine Mutung? Im Grimmschen Wörterbuch natürlich, aber die alten Bedeutungen sind ausgestorben, und im Bergbau.

         Lesenswert dazu:
  2. Die Rechtschreibreform war ein Großversuch für die "Hartz-IV-Reformen"

Für die Herrschenden ist es wichtig zu wissen, wie das Volk reagiert, wenn sie in die Besitzstände einzelner Schichten oder des ganzen Volkes eingreifen. Gehen die Menschen auf die Barrikaden oder bleiben sie vor ihren Fernsehern sitzen? Mit der Rechtschreibreform konnte zunächst die Loyalität der Beamten, vor allem der Lehrer, getestet werden. Sie waren in der Regel willig und folgsam.

Auch die Medien ließen sich, von Ausnahmen abgesehen, widerstandslos auf das Manöver ein. Allerdings gab es bereits seit den 50er Jahren kaum nennenswerte kritische Berichterstattung. Man war früher gleichgeschaltet, und man ist es gern geblieben. Das erspart die eigene Meinung und minimiert das Risiko.

In einigen Bundesländern bildeten sich Bürgerinitiativen, in Schleswig-Holstein gab es am 27.09.1998 einen Volksentscheid über die Rechtschreibreform.

Nur 29,1 Prozent der Abstimmenden votierten für die Rechtschreibreform. Trotz beachtlicher Desinformationskampagnen der Reformbefürworter entschieden 56,4 Prozent, daß an den Schulen weiterhin die traditionelle Rechtschreibung zu unterrichten sei. Sie widersprachen damit der Akzeptanzerwartung des Bundesverfassungsgerichts. (Mehr dazu hier: Verein für deutsche Rechtschreibung und Sprachpflege)

In einer Koalition der Willigen oder der Blockparteien unter Führung der schleswig-holsteinischen Ministerpräsidentin Heide Simonis wurde das Ergebnis des Volksentscheids vom Kieler Landtag per Gesetz revidiert. 2005 erhielt die Dame für ihr Demokratieverständnis die Quittung und wurde aus dem Amt geworfen.

  Siehe hierzu auch:
  3. Die Rechtschreibreform ist zugleich eine Sprachreform

Ickler macht in "Regelungsgewalt. Hintergründe der Rechtschreibreform" auf das Verschwinden ganzer Wörter aus dem deutschen Lexikon durch die Rechtschreibreform aufmerksam. (Theodor Ickler: Regelungsgewalt. Hintergründe der Rechtschreibreform. St. Goar 2004, S. 71ff.)

Ich habe das einmal am Beispiel des Wortes "fettgedruckt" nachvollzogen, das nach Neuschrieb "fett gedruckt" zu schreiben ist.

Geht man nach dem Grundwort "drucken" bzw. Partizip Perfekt "gedruckt", dann ist in einem Wörterbuch wie Langenscheidts e-Dictionary kein Eintrag zu finden. Das nach der RSR abgetrennte Bestimmungswort "fett" bietet sich als nächsten Einsprungspunkt an. Und in der Tat: Hier steht plötzlich wieder das "fettgedruckt", aber dann als "6. DRUCK bold; fett gedruckt bold (face)..., in bold type (oder print)".

"Fettgedruckt" in der alten Rechtschreibung wurde zusammengeschrieben, weil Adjektiv und Partizip Perfekt zusammen eine neue Bedeutung transportierten. Man beachte übrigens auch, daß der Wortakzent auf "fett" liegt: "féttgedrùckt", "-druckt" trägt lediglich einen Nebenakzent. In Neuschrieb werden die Teile des Kompositums auseinandergeschrieben. Das Adjektiv "fett" wird plötzlich funktional zu einem Adverb, das "gedruckt" näher erläutert. Der Hauptakzent liegt nunmehr auf "-druckt", während "fett" unbetont oder allenfalls schwach akzentuiert ausgesprochen werden muß. Zu "fett gedruckt" lassen sich Gegensätze finden wie "fett geschrieben". Die Übersetzung von englisch "bold" findet sich zumindest in der neuen Schreibung nicht mehr.

Zu den Begrifflichkeiten von Kompositionen bei Verben siehe: Ulrich Engel: Deutsche Grammatik. Heidelberg 1988, S. 441f.

Die braven Untertanen in Deutschland schreiben natürlich, wie man den Einträgen in Google entnehmen kann, lieber "fett gedruckt". Es könnte ja eines frühen Morgens die geheime Rechtschreibpolizei vor der Tür stehen und die Insassen der Wohnung oder den PC-Inhaber verhaften. Google: fett gedruckt: über 2 Mio. Ergebnisse, fettgedruckt: 3470 Ergebnisse. Kaiser Wilhelm hätte seine Freude, und die Staatsratsvorsitzende 2.0 reibt sich die Hände, denn mit solchen Deutschen kann man dann auch mal wieder die Welt erobern.

In den Bereich der linguistischen Kriminalität, Abteilung Betrugsdelikte, sind die Rechtschreibreformer abgeglitten, als sie eine Reihe von Wörtern aus ihrem etymologischen Ursprung rissen. Dazu gehört mein Lieblingswort "belemmern", das vom niederländischen "belemmeren" herkommt und das die Herrschaften Reformer weggeworfen haben, um ein neues Wort zu erfinden: "belämmern". Ich sehe sie dort laufen, die Lämmer, sie schreien, weil sie gleich geschlachtet werden sollen - vermutlich hat der für die Volksverdummung zuständige Herr einen Alptraum gehabt, weil er am Abend zuvor "Das Schweigen der Lämmer" gesehen hat. Ausführlich zur "Volksetymologie ohne Volk" (Anna Bödeker, Köln 2011)

  Weitere interessante Details und Beispiele:
  • Stefan Stirnemann: Die Reform der deutschen Rechtschreibung und die deutsche orthographische Lexikographie. Cahiers de lexicologie, Nr. 97, 2010-2 (Dezember 2010), S. 55–66, auch:   http://www.sok.ch/files/
    Stirnemann_Cahier-de-Lexicologie_2-2010_
    Die_Reform_der_deutschen_Rechtschreibung.pdf
  4. War da was? Oder: Der Mensch unterscheidet sich vom Tier, daß er aus der Geschichte lernt

Karl Marx hat 1852 im "18 Brumaire des Louis Bonaparte" geschrieben: "Hegel bemerkte irgendwo, daß alle großen weltgeschichtlichen Tatsachen und Personen sich sozusagen zweimal ereignen. Er hat vergessen, hinzuzufügen: das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce." (Werke, Bd. 8)

Im Mai 1933 wurden unter reger Anteilnahme der Deutschen in zahlreichen Städten Bücher verbrannt. Nicht weil sie fehlerhaft waren, sondern weil ihre Verfasser Juden, Kommunisten, Sozialisten, Freigeister und Liberale waren. Weiteres auf Wikipedia.

Für die neuerliche Aussortierung von Büchern aus den Schulbüchereien und aus Kinder- und Jugendbibliotheken in Pfarreien mußten die Verfasser keine Nicht-Arier sein oder eine "volksfeindliche Gesinnung" haben. Es genügte, daß ihre Werke statt "dass" die Konjunktion "daß" verwendeten. Theodor Ickler schreibt in der FAZ vom 01.11.2009, daß zahlreiche Schulbüchereien von übereifrigen Lehrern, in vorauseilendem Gehorsam, von alten Büchern "gesäubert" (der Ausdruck ist hier bewußt gewählt, soll er doch an Vorgänge einige Jahrzehnte früher erinnern) worden. Ickler schätzt die Zahl der Bücher im Millionenbereich.

Anders als 1933 mußten sich die Autoren, sofern sie noch lebten, nicht durch Flucht ins Ausland retten, wie seinerzeit Bertolt Brecht und andere. Ickler berichtet allerdings: "Besondere Freude herrscht in Göttingen: 'Unsere Bücherei ist leer! Und zwar sehr leer, seitdem die Arbeitsgruppe alle Bücher aussortiert hat, die veraltet und vor allem noch in alter Rechtschreibung geschrieben waren.' (Albanischule Göttingen 28.2.2011) Damit ist der Idealzustand erreicht: eine leere Bücherei macht am wenigsten Arbeit."

Und nun kommen einige Zeichen aus der Provinz, die hoffen lassen, daß "der" Mensch vielleicht "dem" Tier zumindest ebenbürtig ist:

"Ich leite die Schulbücherei und habe eine sehr (zu???) engagierte Mutter, die angeleiert hat, dass wir alle Bücher mit alter Rechtschreibung aussortieren. Ich persönlich lasse meine Kinder alte Bücher lesen, die Lehrerin meiner Tochter meinte auch, das sei ok, aber besagte Mutter war (ist) völlig empört und hat mir gesagt, sie habe das mit der Direktorin besprochen und die "alten" Bücher sind ein No-go. Also haben wir aussortiert und somit am Ende alle Lehrer (inkl. Direktorin) gegen uns gehabt.

Nun hat eine vierte Klasse die Bücher zurückgeräumt und das sehr, sehr ordentlich. Ich habe mich bei der Klassenlehrerin bedankt und gemeint, ich komme nächste Woche in ihre Klasse, um mich auch bei den Schülern zu bedanken." (Quelle)

Nicht die Lehrerin oder Büchereileiterin, die offenbar erst die Lehrerin ihrer Tochter um Erlaubnis fragen muß, ob diese Bücher in alter Rechtschreibung lesen darf; die Kinder sind die Hoffnungsträger. Vermutlich werden erst sie den Rechtschreibmist beseitigen und die Reformer in kurzen (hoffentlich nicht allzu langen, denn das hätten die nicht verdient) Abhandlungen auf den geschichtlichen Müllhaufen werfen.

Last Update: 29.08.12

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