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        Hat Deutsch eine Zukunft?

Möglicherweise, trotz Rechtschreibreform und Anglizismen. Die Rechtschreibreform wäre vermeidbar gewesen, mit einigem guten Willen. Aber: Selbstbestrafung muß sein. Und so malen Herrschaften, die sie eigentlich abartig finden, brav "Teeei", "selbstständig" und "aufwändig", schreiben getrennt, was nach Neuschrieb zusammengehört, und umgekehrt. Viele schreiben "Spass", weil sie ein kurzes "a" sprechen, andere "Spaß", weil sie es lang sprechen - letztere stimmen mit der deutschen Standardaussprache überein, die darüber entscheidet, ob ein s-Laut, der bisher mit "ß" geschrieben wurde, weiterhin mit "ß" (nach Langvokal bzw. Diphthong) oder mit "ss" (nach Kurzvokal) geschrieben wird. Kurzum: es ist Chaos eingezogen, und das Schreiben ist noch unerfreuerlicher geworden.

Prognosen über die Rechtschreibung sind überflüssig. Denn im Zuge der Globalisierung, auf den wir alle aufzuspringen haben, wenn wir den Anschluß nicht verpassen wollen, müssen wir unser Englisch ohnehin perfektionieren. Damit wird dann die Mischerei von Deutsch und Englisch ("Haste schon die Daten für das Briefing upgedatet?" - "Nee, ich bin von dem Gig gestern abend noch ganz stoned.") fortschreiten, und Dieter E. Zimmer und seine Fangemeinde dürfen sich weiter echauffieren ob der allseits vorgenommenen Verletzungen des "Tiefencodes" der deutschen Sprache. Sei's drum. Solange nur der "Tiefencode" der Sprache beschädigt wird und nicht Leib und Leben durch diejenigen, an denen die Errungenschaften der Globalisierung in Form von Entlassung, Billigjob oder überhaupt Arbeitslosigkeit vorübergegangen sind, können die Hüter eines ideologischen Provinzialismus ruhig in ihren Betten schlafen.

Apropos Provinz: Deutsch hatte zeitweilig einen Ruf als Wissenschaftssprache, der 1933 aus bekannten Gründen ruiniert wurde. Auch im ehemaligen Deutsch-Südwestafrika (heute Namibia) und in Polen gibt es Leute, die Deutsch können. Ansonsten ist es eine Regionalsprache, von der Bedeutung mit Italienisch vergleichbar - während Französisch und Spanisch als ehemalige Kolonialsprachen noch heute in vielen Ländern außerhalb Europas gesprochen werden.

Fakt also ist: Englisch ist Weltsprache und Lingua franca. Deutsche Wissenschaftler müssen englischsprachige Aufsätze radebrechen, um von der internationalen Fachwelt überhaupt wahrgenommen zu werden; sie müssen sie gut schreiben, wenn sie gelesen werden wollen, sowohl in fachlicher als auch in sprachlicher Hinsicht. US-amerikanische Fonds-Manager, die nach der Übernahme einer deutschen Firma angereist kommen, um nach dem Rechten zu sehen, erwarten eine angemessene Konversation.

Ob eine Sprache Zukunft hat, steht beim Deutschen außer Frage. Ob sie etwas gilt in der Welt - und damit die nationale Brust anschwellen läßt -, hängt davon ab, ob in ihr etwas zu sagen ist. Die Dichter und Denker, die von deutsch-nationalistischen Ideologen immer sehr gern vereinnahmt werden, hatten etwas zu sagen. Für dritt- und viertklassige Literaten, Literaturkritiker (die sich gegenseitig hochjubeln) und Professoren (dito) interessiert sich außerhalb ihrer Gruppierung niemand. Oder können Sie sich vorstellen, Goethe und Hegel wären imstande gewesen, einen Verein zur Wahrung der deutschen Sprache zu gründen? Dabei haben die Menschen damals mehr mit frankophonen Wörtern und Sätzen zu tun gehabt als heutige mit Anglizismen. Nein, Goethe, Hegel, Heine und all die anderen hatten Besseres zu tun.

Last Update: 19.05.18

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