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Sprache: Die neue deutsche Knechtschaftsreform

 
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Diensteilfertigste Unterbreitung von Vorschlägen für die nächste Rechtschreibreform

von Prof. Dr. W.C. Aftershave, Diplom-Guru, Bund Deutscher Esoteriker. Aus dem Nachlaß herausgegeben von Sarah Whiteknife-Frazier

Linguist wird es sicher schon mit Grausen vernommen haben: seit dem 1. August 1998 müssen wir unseren armen Lehrlingen, die uns bislang immer so treu ein Bier nach dem anderen aus der Werkskantine (Mensa, Cafeteria) geholt und die Sprachwissenschaftliche Werkstatt gefegt haben, die neue Orthographie beibringen (es sei denn, wir sind in Schleswig-Holstein lokalisiert, wo man sich im Volksentscheid vom 27. September 1998 zur Wiedereinführung der alten Rechtschreibung entschlossen hat). Linguist selber darf daneben noch bis zum Ende des Schuljahres 2004/05 die alte Schreibung verwenden, die solange noch "als überholt, aber nicht falsch gelten" soll. Ja, aber was dann, müssen wir dann alle unsere Neuauflagen umschreiben (oder, noch schlimmer, neue Abhandlungen schreiben)?

Anyway, wenn man schon reformiert, warum dann nicht konsequent?

Warum sollte linguist die Rechtschreibreform statt belemmert nun belämmert finden, hat das Ganze doch nichts mit umgelautetem schäfischem Nachwuchs zu tun, sondern ist eine niederdeutsche Entlehnung von niederländisch belemmeren "(ver-/be-) hindern, erschweren, hemmen, aufhalten, Schwierigkeiten bereiten". Außerdem, wieso soll linguist allen Regeln zum Trotz weiterhin Eltern schreiben und nicht Ältern, obgleich dies zur Wurzel alt gehört?! Handelte es sich dabei etwa um das Lieblingswort eines der über die Reform abzustimmen habenden Politikers? Dabei heißt es doch auch immer so schön alternativ dazu: Meine Alten geh'n mir auf'n Sack! Na bitte!

Und so frage ich mich, wozu man überhaupt ein ä braucht, wenn es sich lautlich nicht vom e unterscheidet, also nur zur Angabe von — manchmal leider nur imaginierten — Etymologien gut ist? Warum nicht immer e schreiben?

Aber dann das Drama mit den verdoppelten Konsonanten, die wohl in manchen Fällen, in manchen auch nicht, sowas wie Kürze vorangehender Vokale anzeigen sollen. Ach, Folks, wie wäre es denn, wie in jeder vernünftigen Sprache, lieber die Langvokale zu kennzeichnen? Schließlich habt ihr ja keine langen Konsonanten wie im Italienischen! Was bringt es, statt numerieren nun nummerieren zu schreiben, damit es ähnlicher zu Nummer aussieht, wo doch auch letzteres [numer] und nicht etwa [num:er] ausgesprochen wird? Aus eben diesem kühlen Grund könnt Ihr auch Euer Gewese um ss und ß vergessen, schließlich sagt Ihr ja doch immer nur [s]. Noch schlimmer in Wortzusammensetzungen wie Flußsand, was nun Flusssand geschrieben werden soll, dabei heißt es [flusand], und sowas wie [flus::and] wäre in keiner Sprache dieser armseligen Welt denkbar! Oder wie ist das mit dem Seelefant = Seele + Fant -? Blumentopferde = Blumento-Pferde? Schneeule = [šnoyle] -!?

Aber nun zum Thema Getrennt- und Zusammenschreibung. Da haben sich Eure Experten ja ein Ei gelegt! "An die Stelle schwer handhabbarer inhaltlicher Kriterien (Zusammenschreibung "wenn ein neuer Begriff entsteht" oder "wenn die Bedeutung des Substantivs verblaßt ist") sollen grammatische Proben (Erweiterbarkeit, Steigerbarkeit usw.) treten." — Das hört sich doch schwer nach der Giftküche der germanistischen Linguistik an. Meine Herren, wie wäre es mit einer schlichten Analyse des vorliegenden Materials? Je was von Inkorporation gehört? Oder von nicht-referentiellen Nomina? Wenn die Herrschaften für ihre eigene Sprache "betriebsblind" geworden sind, dann versuch' ich's mal mit dem seit Wilhelm von Humboldt altbewährten aztekischen (= klassiches Nahuatl) Beispiel: ninacaqua heißt "Ich esse Fleisch (unspezifische Referenz)" oder auch "Ich bin Fleischesser (generische Referenz)". Wobei ni- "ich" heißt, und nacaqua heißt "fleischessen" in einem Wort. Hingegen heißt nicqua in nacatl "ich esse das Fleisch" (spezifische Referenz). Wobei in der Artikel ist, wie Deutsch der/die/das, und das Nominalsuffix -tl ist der sog. Absolutiv, der an — vereinfachend gesagt, inhärent relationalen — Nomina steht, wenn sie kein Possessivpräfix haben (wie noicxi "mein Fuß" vs. icxitl "Fuß"), deswegen ja auch die ganzen schönen Wörter wie Popocatepetl, Peyotl, Coyotl, Tomatl... äh ne, da macht man ja heutzutage nur noch Tomatenkätschup draus... Und man beachte auch, daß das Verb nunmehr auch das Objektpräfix der Dritten Person c- enthält.

Es müßte also wesentlich mehr als bisher, statt wie geplant weniger, zusammengeschrieben werden! Wenn man sich schon als Biertrinker (& Hellraiser... Yeaouw!) bezeichnen kann, dann kann man wohl auch noch die Frage "Was machst'n gerade?" mit Biertrinken! statt mit Bier trinken! beantworten. Was anderes wäre natürlich, man will eine Schlägerei provozieren und sagt: Dein Bier trinken!

Genauso die Endorserei von Bindestrichen! Wieso bitte sollen 3/4-Takt und In-den-Tag-hinein-Leben "graphisch bzw. syntaktisch nicht vereinbare Bestandteile" sein? Graphisch vielleicht, nach einer willkürlich gesetzten Regelung, aber syntaktisch? Entweder es geht, oder es geht nicht, ne? Also, wieso nicht Dreivierteltakt und Indentaghineinleben? In anderen Sprachen gibt's auch "lange Wörter", und wenn für Grønlænder Inneruulatut naajorarpugut ("wir wachsen wie der Löwenzahn") normale Härte ist, dann werden das die Deutschländer ja wohl auch noch schaffen?!

Ja, aber dann... Die Großschreibung! Scheint sowas wie ein nationaler Fetisch zu sein... Aber die meisten Änderungen daran könnte man sich eh sparen, wenn man, wie eben ausgeführt, "zusammenschriebe, was zusammengehört"... Z.B. egal ob wie bislang in bezug auf oder nun in Bezug auf, der "Bezug" ist längst keiner mehr, da er im Rahmen einer Grammatikalisierung erodiert ist, so daß es sich nur noch um einen "präpositionalen Term" handelt, der dies besser verdeutlichend als inbezugauf geschrieben werden könnte. Es können ja auch weder in noch auf dabei noch lokal interpretiert werden wie in im Zug nach Frankfurt...

Enfin, warum nicht einfach Laute und zugehörigen Schriftsymbole 1:1 umsetzen? Muß ja nicht sowas häßliches wie Lautschrift sein, aber im Finnischen z.B. haut das ja sogar in durchaus ästhetischer Weise mindestens 90%ig hin? ist dox ales nur aine fraage der gevoonhait... Und wenn man kürzere Wörter haben will, dann müßte man sich ja nur bei den Japanern oder den Cree eine schöne Silbenschrift ausleihen...


P.S.: Jeder betreibe bitte Gewissenserforschung seines treudeutschen Untertanengeistes und beantworte nach bestem Wissen und Gewissen die folgende Frage: heißt es ab jetzt "Geßlerhut" oder "Gesslerhut"?

P.P.S.: Da sich unter den Reformgegnern auch etliche Sprachschützer befinden, die durch Unterminierung mit Anglizismen das Deutsche zu einem Pidgin-Dialekt (Dieter E. Zimmer: Deutsch und anders. Rowohlt 1998) oder gar einer Schimpansensprache (wu-ha-hah!!) verkommen sehen — wohl übersehend, daß bestimmte Eliten (nicht die Looser, die sich in ihrer eigenen Sprache kaum gewandt auszudrücken vermögen) mehrsprachige Konversation lieben (z.B. ist Englisch-Französisch-Spanisch-Italienisch-Deutsch Standard in solchen Kreisen... nach Belieben ersetze man alle romanische Sprachen außer Französisch auch durch Russisch und vielleicht Ungarisch, oder gar "exotischeres" wie Arabisch, Farsi oder Georgisch, in intimerem Briefwechsel sind auch lateinische, griechische und Sanskrit-Stilübungen genehm; Türkisch hat unverdienterweise weniger Prestige) —, oder gar Wolf Schneider ("Deutsch für Kenner") von Zwitter-Sprache redet...  nun denn, wollen wir unserer Zunft alle Ehre machen, und in vorauseilendem Gehorsam folgende Kreolisierungsvorschläge kratzfüßigst zur Debatte auf de.etc.sprache.deutsch unterbreiten...

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Ceterum censeo, daß wir Globalisierung wie Rückkehr zu den Wurzeln doch am besten unter einen Hut bekämen, wenn wir das Proto-Indogermanische wiederbelebten...


adaptiert aus: HP 4, Juni 1995, 36

Last Update: 20.05.18

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