Prophecy factory

 

Deutsch als Obrigkeitssprache: Zur Rechtschreibreform (1999)

 
Startseite
Zur Rechtschreibreform
Von Orthographien und Reformen
Was ist Rechtschreibung?
Die Folgen der Rechtschreibreform
Häufig gestellte Fragen 
Deutsch als Obrigkeitssprache 1(1999)
Deutsch als Obrigkeitssprache 2(1999)
Kuriositäten
Impressum

"Das neue Regelwerk ist sprachwissenschaftlich so schlecht, daß wir auf seiner Basis nie zu einer gemeinsamen Schreibweise zurückkehren können.... Und hier können Sie sehen, daß das Regelwerk sprachwissenschaftlich auf den Müll gehört."
(Peter Eisenberg, Mitglied der Mannheimer Rechtschreibreform-Reformkommission)
(zitiert nach Posting in de.etc.sprache.deutsch)


 

Euer Wille ist uns sch...egal (taz 19.09.1999)
Kieler Landtag kassiert Volksentscheid zur Rechtschreibung
Der Landtag war so schnell wie selten. In Kiel trafen sich die gewählten VertreterInnen Schleswig-Holsteins vergangenen Mittwoch zur ersten Lesung. Schon am Freitag fiel dann die Entscheidung. Warum nur hatten die Parlamentarier so eine Eile? Es war, ganz einfach, sehr unappetittlich, was der Landtag da hinter sich zu bringen hatte: Die Volksvertreter waren gekommen, einen Beschluß derjenigen zurückzunehmen, die ihre Auftraggeber sind.

Reform von oben

Als Zwangsmitglied der IHK Köln (für Nichteingeweihte: Industrie- und Handelskammer) erhielt ich unaufgefordert die Juli-Ausgabe 1999 von "markt+wirtschaft", normalerweise voll mit Infos für den hierzulande so genannten Mittelstand. Die IHK Köln, das sei ihr zugutegehalten, hat viel dafür getan, bei ihrer Klientel ein Bewußtsein vom Jahr-2000-Problem zu schaffen. Na ja, wer verliert schon gern einen Teil seiner zahlenden Mitgliedschaft.

Wie es sich für eine gute deutsche Zeitschrift gehört, hat auch "markt+wirtschaft" ein "EDITORIAL", deren Überschrift "Tipps mit Potenzial" lautet. Was zunächst aussieht wie eine Vermischung von Sekretärinnen- ("Tippex") und Versicherungsdeutsch, entpuppt sich als Aufmacher zur Ankündigung, eine tiefe Verbeugung vor der "Amtlichen Regelung der deutschen Rechtschreibung" zu machen. Kaiser Wilhelm würde sich freuen, daß nach 100 Jahren immer noch gilt: Der Gehorsam muß vom Untertanen immer neu eingefordert werden. Gewandelt hat sich die Form: Die Treueerklärung wird als Unterwerfung unter eine "amtliche Regelung" abverlangt, die allen Untertanen auferlegt, die Schriftform ihrer Muttersprache so und nicht anders zu verwenden. Weil die Untertanen heutzutage nicht alles glauben, was ihnen erzählt wird, erklärt man das neue Amtsdeutsch kurzerhand als "wissenschaftlich" begründet, in der leider berechtigten Hoffnung, daß 99% der Betroffenen kein etymologisches Wörterbuch und keine linguistischen Handbücher in ihrem Regal stehen haben, um nachprüfen zu können, was ihnen da schwarzgemacht wird.

Etymologisches Verdummungsritual

Zu den Kernbereichen der Reform gehört die Ausweitung der "etymologischen Schreibweise". Die Verwandtschaft von Wörtern soll demnach daran zu erkennen sein, ob sie eine gemeinsame "Stammwurzel" haben.

Zum Beispiel: Während man im Mittelalter fröhlich "hant" und "hende" schrieb, muß man heute "Hand" und "Hände" texten. Die Wurzel des Wortes heißt "hand", also wird aus "hant" die "Hand" (wobei dann erklärt werden muß, warum der stimmhafte Dental "d" stimmlos ("t") ausgesprochen wird, genauso wie die Mittelhochdeutschen es geschrieben haben); um im Plural das "a" bereitzuhalten, erfindet man einen neuen Umlaut "ä", nach dem Motto: Man sieht dem "ä" an, daß es von "a" kommt. Das offene "e" von "Hände" hat lautlich zwar nichts mit dem "a" zu tun, aber was soll's! Für die Dummen wird dann der leicht erlernbare Satz an die Tafel geschrieben: "Hände" schreibt man mit "ä", weil es von "Hand" kommt.

Nicht immer klappt das, etwa bei den starken Verben: "nehmen, nahm, genommen". Gegen das geschlossene "e" ist halt kein Kraut gewachsen, obwohl ein großer Teil der deutschen Muttersprachler unfähig ist, es korrekt auszusprechen: entweder zu offen oder als abgetöntes "i". Und "nähmen" ist ja im übrigen schon als Konjunktiv II belegt.

Also dürfen deutsche Lehrer neue Formen der Bildungskatastrophe abliefern, indem sie den Kindern erzählen, daß "belämmern" schließlich von "Lamm" kommt. Und den Rotstift schwingen, anstatt sich mit der wirklichen Welt auseinanderzusetzen, in die ihre Schüler hineinwachsen müssen - während sie u.U. schon einen Platz auf dem grün-alternativen Friedhof gebucht haben.

Beispiele des Unsinns:

Neu Alt Etymologie
rau rauh Westgermanisch (vgl. engl. rough), ursprünglich zwei Formen: rauch - rauh (wie in hoch - hoh[e]), noch in Rauchware - Rauhhaardackel.
nummerieren numerieren Lateinisch numerare. Nummer stammt von italienisch numero.
belämmert belemmert Niederdeutsch, aus Niederländisch belemmeren (zu lahm).

Bußgeld für Sprachverstöße?

Um den Mittelständischen die Umstellung auf die neue Rechtschreibung schmackhaft zu machen, wird diese kurzerhand in einen Zusammenhang mit Fortschrittlichkeit gestellt: "Wir alle kommen um die neuen Schreibweisen nicht herum. Sie werden uns jetzt täglich begegnen und viele Unternehmen, die als besonders progressiv gelten wollen, haben sich längst darauf eingestellt."

Tatsächlich handelt es sich nach "markt&wirtschaft" (Seite 27) aber nicht um ein Imageproblem: "Ab dem 1. August 2005 muss jeder die sieben Jahre zuvor eingeführten Rechtschreibe-Regeln verwenden." Was noch fehlt, ist ein Bußgeldkatalog:

  • 5,00 Euro: Verstoß gegen die neue etymologische Schreibweise (z.B.: Der Deliquent hat "belemmern" statt "belämmern" verwendet).
  • 7,50 Euro: Verstoß gegen die neue Regelung "ss"/"ß" (z.B.: Der Deliquent hat "daß" statt "dass" verwendet).

Reform gegen den Strom

Die neue Rechtschreibung ist indes nur in Schulen und Behörden vorgeschrieben. In allen anderen gesellschaftlichen Bereichen ist ihre Übernahme freiwillig. Wenn Printmedien sie übernehmen, so geschieht das nicht nach Weisung. Daß sie sie übernehmen, ist ein Akt freiwilliger Unterwerfung. Über die Motive, nicht die veröffentlichten Gründe, kann man nur spekulieren. Im privaten Bereich ist niemand gezwungen, von einem Tag auf den anderen "dass" statt "daß" zu schreiben. Da kann man auch "das" nehmen, auch wenn man keinen Relativ-, sondern einen Objekt- oder Subjektsatz einleitet. Wenn Vorgesetzte den Kotau einfordern, dann kann man immer noch ein Konvertierungsprogramm über den nach alter Schreibung verfaßten Text laufenlassen - und sich innerlich von ihm distanzieren: 'Es ist eh' kein eigener Text.'

Die Rechtschreibreform wurde weitgehend unter Ausschluß der Öffentlichkeit eingeführt (zur Historie von Rechtschreibung und Reform siehe Schriftdeutsch.de). Als anläßlich der Frankfurter Buchmesse 1996 Schriftsteller, Wissenschaftler, darunter auch Linguisten, Lehrer und Prominente gegen die Reform protestieren, hagelt es Intellektuellenschelte (formal in der "Dresdner Erklärung der Kultusministerkonferenz", 25.10.1996). Aus der Newsgroup de.etc.sprache.deutsch:

  • Nachklapp einiger beleidigter Leberwürste
  • Wenn "prominente Schriftsteller" ein solch unausgegorenes Statement abgeben schadet dies natuerlich "dem Ansehen der deutschen Sprache im In- und Ausland.
  • Erhebt sich nicht auch die Frage, warum die Herren Autoren mit ihrem Auftritt ausgerechnet bis zur Buchmesse gewartet haben? Publicity-Gag oder echtes Anliegen?

Ein Betroffener zur Reform:

  • "Die Orthographie war in Deutschland seit dem Wilhelminismus ein reiner Amtsfetisch. Die Regierungen sollten die Finger von Dingen lassen, von denen sie nichts verstehen und für die sie nicht kompetent sind. Die sogenannten Regelwerke sind Ersatzhandlungen, mit denen die kulturpolitische Impotenz kaschiert werden soll."
    Hans Magnus Enzensberger, in: Der Spiegel, 42/1996

Books on demand: Der Weg zum Buch ohne Rechtschreibreform

Über kurz oder lang werden die Verlage Bücher nach der neuen Schreibung herausgeben. Wer sein Werk unverstümmelt an die Leser bringen möchte, kann dies neuerdings auf alternativem Wege: Books on demand! Kein übereifriger Lektor legt dort Hand an; die Texte gelangen so unzensiert an die Öffentlichkeit bzw. in den Online-Katalog von libri.de. Verbreitet wird das Buch über das Internet, ein Medium, das ohnehin die Reform unterläuft. Wo jeder so schreibt, wie ihm der Schnabel gewachsen ist.

The German way: Barockdeutsch

Eine Anmerkung zum Schluß: Die Begründung, durch die neue Rechtschreibung könnten die Kinder leichter schreiben lernen, ist unsinnig. Ungereimtheiten gibt es nach wie vor, nur verschoben; die Großschreibung ist sogar ausgeweitet (Germanisten des 19. Jahrhunderts, wie die Grimms, wollten sie schon abschaffen, haben sich aber nicht durchsetzen können). Die Konsonantenverdopplung als Mittel, die Länge oder Kürze vorangehender Vokale anzuzeigen, wurde ebenfalls ausgeweitet; in keiner anderen Schriftsprache gibt es das - in der Regel wird die Länge unmittelbar am Vokal angezeigt (im Finnischen werden lange Vokale verdoppelt). Doppelkonsonanten werden verwendet, um die Länge eines Konsonanten zu beschreiben (italienisch Spaghetti: "tt" weist auf eine verzögerte Verschlußsprengung hin). Dafür gibt es im Deutschen keine Schreibung des anlautenden glottalen Verschlußlauts vor Vokalen ('aber).

Auch das Argument, eine vereinfachte Rechtschreibung würde die Sprache attraktiver für ausländische Sprachlerner machen, stimmt nicht. Die meisten Menschen der Welt lernen Englisch mit seiner weitaus komplizierteren Rechtschreibung. Entscheidend für die Motivation, die Sprache zu lernen, ist nicht Einfachheit (da stöhnen Ausländer vor allem bei der deutschen Grammatik, aber nie bei der Rechtschreibung!!), sondern welchen Gewinn sie damit haben.

Links:
  • Wir schreiben für die, die lesen. Ein kritischer Aufsatz zur Rechtschreibreform (Dr.-Ing. Jürgen Langhans)
    Subjektive, gute Auseinandersetzung aus Laiensicht.
  • Wider die sprachliche Apartheid. Materialien und Gedanken zur sog. Rechtschreib-Reform (Dr. Wolfgang Näser)
    Der Autor sieht die Rechtschreibreform als Teil des Verfalls der deutschen Sprache (auch durch Anglizismen). "Schrift ist das Kleid der Sprache." Diese Metaphorik hört sich gut an, trifft die Sache aber nicht. Jeder Text - und es geht hier nur um Texte! - hat sein "Kleid", seine Form. Am ausgeprägtesten ist dies in der Lyrik; viele Lyrikerinnen und Lyriker des 20. Jahrhunderts verwenden in ihren Gedichten eine eigene Orthographie (Hans Magnus Enzensberger z.B. schreibt seine Texte durchgängig ohne Großschreibung), die Teil der literarischen Form ist.
    Rechtschreibreformgegner und Anglizismusgegner in einem zu sein, das kann auch "in die Hose gehen". Es macht sich nicht gut, gegen "Majonese" (im Duden heißt es "-näse", vermutlich, weil da jemand seine Nase zu weit in die Fritten getunkt hat) zu sein, aber "Imehl" (für "Email") zu predigen (http://www.rechtschreibung.com/).

Last Update: 29.08.12

© 1999 - 2011 by  Anna Bödeker

Diese Seiten sind weder gesponsert noch durch Werbung finanziert.