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Anmerkungen zur Sprache Deutsch und zur Rechtschreibreform

 
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         Zur Person: Ich habe ein Germanistikstudium absolviert, war 17 Jahre Lehrerin für Deutsch als Mutter- und als Fremdsprache und habe in den 1980er Jahren ein Auffrischungsstudium gemacht: in Linguistik, deutscher Grammatik, Deutsch als Fremdsprache. Wenn ich mich zur Rechtschreibreform (RSR) äußere, geschieht dies mit einem gewissen fachlichen Hintergrund.

Ich habe die RSR nie gemocht, weil ich ein visueller Mensch bin und daher eine jahrzehntelange Gewöhnung an das Schriftbild des Deutschen durchlaufen habe. Da ich schwerpunktmäßig Literaturwissenschaft studiert habe, spielten die Wortgestalten, wie sie sich in den Gedichtzeilen verteilten, eine sehr große Rolle. Und dann las ich solche Monsterwörter wie

  • Schifffahrt
  • aufwändig
  • belämmert
  • schnäuzen

Dazu kommen Grausamkeiten im Bereich der Getrennt- und Zusammenschreibung ("sitzen bleiben") sowie Groß- und Kleinschreibung ("das Eine - das Andere").

Konsonanten im Deutschen: Die Schreiber des 16. und 17. Jahrhunderts haben in ihrem Hang zu einem manieristischen Sprachgebrauch (siehe vor allem Barockliteratur) gern übertrieben:

DV sihst / wohin du sihst nur Eitelkeit auff Erden.

Was diser heute baut / reist jener morgen ein:

Wo itzund Städte stehn / wird eine Wisen seyn /

Auff der ein Schäfers-Kind wird spilen mit den Herden:

Was itzund prächtig blüht / sol bald zutretten werden

Was itzt so pocht und trotzt ist Morgen Asch und Bein
(Andreas Gryphius, aus "Es ist alles Eitel", aus Projekt Gutenberg.de)

Wie man dem Gedichttext unschwer entnehmen kann, hat der Autor zu seiner Zeit einige Laute und Wörter anders geschrieben als heute:

  • "sihst": Als Dehnungszeichen genügte ihm das "h", während heute ein zusätzliches "e" dem "i" folgen muß, auch nur ein Dehnungszeichen.
  • "itzund" bedeutet "jetzt".
  • "auff", "zutretten" (= zertreten)

Dennoch ist festzuhalten: Im Deutschen gibt es keine Unterscheidung zwischen kurz und lang gesprochenen Konsonanten - wie im Italienischen, wo in "città" durch die Konsonantenverdoppelung darauf hingewiesen wird, daß der Verschlußlaut "t" zeitverzögert gelöst wird. Die Konsonantenquantität bildet in dieser Sprache phonologische Oppositionen, etwa in dem Minimalpaar "fato" [ˈfato] Schicksal - "fatto" [ˈfatːo] Partizip Perfekt von "fare".

Gryphius hat im übrigen, wie auch seine Nachfolger bis weit ins 19. Jahrhundert, die Aspiration des anlautenden "t" ausgeschrieben: "Der hohen Thaten Ruhm muß wie ein Traum vergehn." In "Traum" folgt dem "t" kein Aspirationszeichen, weil dem "t" kein Vokal folgt.

Vokale im Deutschen: Es ist ein grundlegendes Dilemma der deutschen Rechtschreibung, daß sie nie Vokallängen am Vokal selber - etwa durch Diakritika - gekennzeichnet hat, außer im Mittelhochdeutschen: "wârheit".

Die Sprachen verwenden unterschiedliche Mittel, um die Vokalquantität abzubilden: den Zirkumflex wie im Mittelhochdeutschen, Akut oder Gravis, manche den Macron (Querstrich über dem Vokal), die Finnen verdoppeln den lang gesprochenen Vokal einfach ("tuuli"). Zu beachten ist, daß nicht alle langen Vokale in phonetischer Opposition zu den kurzen stehen, auch wenn die Grapheme gleich sind.

Es gehört zu den verbreiteten Irrümern unter den Deutschen, daß im Deutschen Vokalquantitäten phonologische Oppositionen bilden. Im Minimalpaar "bieten" [biːtən] - "bitten" [bɪtən] sind nicht nur die Vokalquantität, sondern auch die Stellung des Vokals im Vokalviereck (bzw. die Ausspracheposition im Mundraum) = die Vokalqualität sowie die Spannung, mit der der Vokal gesprochen wird = gespannt - ungespannt, bedeutungsunterscheidend.


Die Texte zur Rechtsschreibreform und zur Diskussion um Anglizismen in der deutschen Sprache, die diese Webseite versammelt, stammen aus den Jahren 1998 und 1999, nur wenige wurden später aktualisiert. Berufliche Gründe haben mich damals gezwungen, mich aus einem stärkeren Engagement zu diesem Thema zurückzuziehen. Inzwischen ist viel Zeit vergangen.

Der Verein zur Wahrung der deutschen Sprache nennt sich seit Jahren Verein deutsche Sprache, seine Ziele sind unverändert. Die Rechtschreibreform wurde teilweise zurückgenommen, in den entscheidenden Bereichen jedoch nicht.
Zum Thema Anglizismen gibt es mittlerweile verdienstvolle Monographien, etwa die von Karl-Heinz Göttert: Deutsch. Biografie einer Sprache.

Wie sich herausgestellt hat, schädigen Anglizismen die deutsche Sprache weniger, als dies die Rechtschreibreform getan hat. Die Reformer wollten eine Reform der Schreibung, sie haben eine Reform der Sprache durchgeführt, und zwar von oben herab.

Mittlerweile wissen nur Experten, wann Präverben adjektivischen und verbalen Ursprungs vom Stammverb getrennt werden oder nicht. Die Bedeutungsdifferenzierung, die sich nach der alten Rechtschreibung in unterschiedlichen Schreibungen manifestiert hat, ist durch einheitliche Getrenntschreibungen nivelliert worden. Teilweise entstehen so interpretationswürdige Sprachgebilde.

Noch schlimmer hat die Reform der Zeichensetzung gewütet. Wo früher klar Haupt- und Nebensatz zu trennen waren, machen selbst Profischreiber in Redaktionen Kommafehler am laufenden Band. Da werden Relativ- und Infinitivsätze nach Lust und Laune abgetrennt oder nicht, dafür werden Partizipialkonstrukte gerne durch Komma isoliert. Das zeugt davon, daß die Autoren ihre eigenen Sätze nicht überblicken.

Apropos professionelle Schreiber. Im Vor-WORD-.Zeitalter mußten geänderte Texte ja mühselig neu abgetippt werden. Das ist ein für allemal vorbei, und dafür bleiben dann Überreste der ursprünglich angedachten Satzkonstruktion stehen: das Verb taucht gleich zweimal auf, in Haupt- und in Nebensatzstellung (soll sich der Leser das aussuchen). Zeit zum Korrekturlesen gibt's offenbar nicht mehr, vielleicht findet sich ja ein dummer Leser, der den Fehler per Email anmeckert. Zuweilen sind derart verstümmelte Textungetüme entstanden, daß keine Sätze mehr rekonstruierbar sind und ihre Bedeutung sich auch durch größte Anstrengungen nicht erschließen mag.

In Foren und Blogs, von einigen Vordenkern deutscher Sprachentwicklung einst als Avantgarde-Sprachwerkstatt gepriesen, gibt es oft nur noch Stümmeldeutsch. Abkürzungen aus SMS-Sprache und Smileys wechseln einander ab. Das "dass", einst als "daß" mit "ß" klar identifizier- und lernbar, wird mit "das" lustig durcheinandergewürfelt: "Das Auto, dass an der Ecke stand..." - solche Ausdrücke sind keine Seltenheit. Und sie finden sich auch in den sog. "Qualitäts"presseerzeugnissen, in denen die SMS-Generation natürlich inzwischen das Sagen hat und sprachliche Kultur offenbar eher als Nebensache betrachtet.

Was wollten Sarrazin und seine konservativen Mitstreiter eigentlich verteidigen? Die deutsche Kultur? Gegen wen eigentlich, wenn innerhalb des einst bürgerlichen Lagers sich niemand für die deutsche Sprachkultur interessiert? Und zwar ohne das Gestelze der Sprachwahrer, die gegen englischsprachige Modewörter genauso zu Felde ziehen wie gegen fachsprachliche Begriffe.

Lesen Sie mal Kant oder Hegel, liebe Sprachwahrer, dann werden Sie erleben, daß dort auf engstem Raum deutsche Wörter zusammenstehen, die Sie nicht verstehen. Es handelt sich um Begriffe. Leider muß man deren Inhalte lernen, egal aus welcher Sprache sie stammen.

 

Last Update: 20.05.18

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