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Deutsch im Kreise der (außer-) europäischen Sprachen

 
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18. Jahrhundert:
Jus culmense ex ultima revisione oder Das vollständige Kulmische Recht. Danzig 1767 (Scans der Originalausgabe)
Beginn 19. Jahrhundert:
Adelung, Johann Christoph: Grammatisch-kritisches
Wörterbuch der hochdeutschen Mundart (1808)

Erstes deutsches Wörterbuch (Scans der Originalausgabe)
Impressum

Sprache und Sprache

Die Betrachtung der deutschen Sprachgeschichte orientiert sich in der Regel an Texten. Von der Antike bis in die frühe Neuzeit war nur ein kleiner Personenkreis fähig, sich schriftlich zu äußern. Die germanischen Völker hatten zunächst nur eine Oralkultur. Die von ihnen überlieferten Texte sind allesamt erst aufgezeichnet worden, als sie in ihren neuen Stammesgebieten in Europa seßhaft geworden waren und Kontakte hatten zu Personen, die im lateinischen Sprachraum schreiben gelernt hatten. Die mündlichen Erzählungen und Gedichte der europäischen Neubürger klingen für heutige Ohren ausgesprochen fremdartig; die Heldengedichte wirken wie ein Singsang mit ihren langen Silben und Stabreimen. Ein Beispiel aus dem angelsächsischen Beowulf:

Hwæt! We Gardena in geardagum, LO, praise of the prowess of people-kings
þeodcyninga, þrym gefrunon, of spear-armed Danes, in days long sped,
hu ða æþelingas ellen fremedon. we have heard, and what honor the athelings won!
Oft Scyld Scefing sceaþena þreatum,   Oft Scyld the Scefing from squadroned foes,
monegum mægþum, meodosetla ofteah, from many a tribe, the mead-bench tore,
egsode eorlas. Syððan ærest wearð awing the earls. Since erst he lay
feasceaft funden, he þæs frofre gebad, friendless, a foundling, fate repaid him:
weox under wolcnum, weorðmyndum þah, for he waxed under welkin, in wealth he throve,
oðþæt him æghwylc þara ymbsittendra ... till before him the folk, both far and near,
(Beowulf on Steorarume)
Das Beowulf-Manuskript entstand gegen 1000. 1731 wurde es bei einem  Brand versengt, so daß die Buchstaben an den Rändern nicht mehr gut lesbar waren. 1787 hat ein isländischer Gelehrter Kopien erstellt, zum Glück, denn mittlerweile ist es sehr zerbröselt. Das Lied über den Dänenkönig Beowulf (und vielleicht Vorbild für Shakespeares Hamlet) spiegelt einen jüngeren Sprachstand, entsprechend dem Datum seiner schriftlichen Aufzeichnung, ein Schicksal aller Oralliteratur, die z.T. erst Jahrhunderte nach ihrer jeweiligen Entstehung schriftlich festgehalten wurde. Während es für das Altenglische vergleichsweise viele solcher Texte gibt, weist das Althochdeutsche außer dem Fragment des Hildebrandsliedes nur ein paar Sprüche sowie eine Reihe von Interlinearübersetzung der lateinischen Bibel, der Vulgata, auf. Ein Zeichen dafür, daß das Interesse der Mönche, die die in Mitteleuropa lebenden Völker missionierten, für deren Sprache und Erzählungen sehr gering war. Das von vielen Deutschen für ein Nationalepos gehaltene Nibelungenlied ist hingegen mittelhochdeutsch und im bairischen Sprachraum entstanden:
Uns ist in alten maeren wunders vil geseit
von heleden lobebaeron, von grozer arebeit,
von froude und hochgeziten, von weinen und von klagen,
von kuener recken striten muget ir nu wunder hoeren sagen

(Quelle: bibliotheca Augustana)

Die Literatur des Hochmittelalters war sehr stark an altfranzösischen und — immerhin gehörte das Königtum Burgund seit 1033 zum Reich — provençalischen Vorbildern orientiert; der Endreim, im Deutschen bis dahin unbekannt, wurde aus diesen Literaturen importiert. Das Nibelungenlied enthält allerdings mit der Aufteilung in Halbverse noch die Struktur des germanischen Heldenlieds. Die meisten der übrigen literarischen Werke dieser Zeit hatten ihre formalen und stofflichen Vorbilder jenseits des Rheins: Minnegesänge, Artusepen (Erec, Iwein, Tristan).

Die schriftlich überlieferte Sprache ist indes nur eine kleine Teilmenge der deutschen Sprache - bzw. Dialekte, in denen sich der Großteil der Bevölkerung verständigte. Für sie gab es nicht Deutsch, sondern Fränkisch, Bairisch, Alemannisch, Sächsisch usw. In der Hanse, die sich auch auf nicht-deutsche Länder ausgedehnt hatte, war der Lübecker Dialekt lingua franca, weswegen das Niederdeutsche in zahlreiche Urkunden Einzug fand. Erst als die Städte immer bedeutsamer wurden, fanden sich dort immer mehr Bürger, die sich für die schriftliche Form ihrer Sprache interessierten. Auch viele der mittelhochdeutschen Texte adliger Herkunft wurden von Mitgliedern der städtischen Patrizier gesammelt und kopiert (berühmtestes Beispiel: die Manessische Liederhandschrift). Gegen Ende des Mittelalters und zu Beginn der Neuzeit verbreiterte sich der schriftsprachliche Bereich des Deutschen, obwohl viele der Schreibenden, vor allem im akademischen Bereich, nach wie vor Latein schrieben.

Als prägend für die Ausbildung einer gesamtdeutschen Sprache gilt die Bibelübersetzung von Luther (1483-1546). Für das 1521 erschienene Neue Testament hatte Luther die sächsische Kanzleisprache sowie die Sprache der Menschen gewählt, die östlich von Elbe und Saale siedelten und aufgrund ihrer unterschiedlichen Herkunftsdialekte zu einer gemeinsamen Sprache finden mußten. Luther bezog Formen und Wortschatz vieler Dialekte ein, um die Grundlage für eine größtmögliche Verbreitung seines Werks zu erhalten. In den evangelisch regierten Ländern wurden seine Kirchenlieder gesungen, und Generationen von Konfirmanden mußten die Lieder und eingedeutschten Psalmen auswendiglernen. Die bäuerliche Bevölkerung kannte ein scharf abgegrenztes Nebeneinander von Dialekt einerseits und pastoralem Deutsch andererseits, das sie als Quasi-Fremdsprache empfand.

Bis das Deutsche sich als allgemeine Schriftsprache durchsetzen konnte, brauchte es jedoch noch einige Jahrhunderte. Weniger die Werke deutschsprachiger Wissenschaftler und Dichter, die in ihrer Zeit nur von einer kleinen Minderheit gelesen werden konnten, als die Einführung der allgemeinen Schulpflicht und der allgemeinen Wehrpflicht war dafür ausschlaggebend. Aber auch da gab es noch Privilegierte, die aufgrund ihrer sozialen Herkunft länger die Schule und anschließend die Universität besuchen konnten und die daher wesentlich mehr Gelegenheit fanden, ihre sprachliche Ausdrucksfähigkeit zu entwickeln.

Von seiner kirchlichen und obrigkeitsstaatlichen Herkunft her ist das Deutsche als nationale Allgemeinsprache sehr stark an einem bestimmten Reglement orientiert. So gehört es nach wie vor zu den Aufgaben des Deutschunterrichts, das Deutsche als regulierte Sprache zu vermitteln. Die Grammatik, die die Schüler lernen, läßt sich aus den Lateingrammatiken herleiten, die ihrerseits ihre Herkunft in den rhetorischen Handbüchern der römischen Antike hatten. Grammatik ist hier letztlich ein Kanon stilistischer Regeln.

Die Dialekte sind inzwischen sehr stark an den Rand gedrängt und spielen als Motor für sprachliche Entwicklungen kaum noch eine Rolle. Dies haben weitgehend die Fachsprachen übernommen, deren Bedeutung in der Industriegesellschaft sehr stark zugenommen hat. Viele in der Alltagssprache vorhandene Begriffe stammen aus fachsprachlichen Terminologien, vom "Auto" über "Telefon" bis zum "Computer". Die deutschsprachige Literatur bedient sich seit Expressionismus, Dadaismus und Surrealismus mehr oder minder starker Regelverletzungen, nicht nur von überlieferten poetischen Konventionen, sondern auch von grammatikalischen und orthographischen Normen. Die provokative Wirkung solcher Regelverletzungen reicht nicht zuletzt über den Deutschunterricht in größere Teile der Bevölkerung hinein; die verwendeten Muster finden entsprechende Nachahmer.

Die Klage über die Anglizmen starrt nur auf die phonetisch englischsprachigen Wörter, übersieht indes, daß es im Deutschen mittlerweile Lehnübersetzungen englischer Wörter und Wendungen gibt, die gar nicht als fremdartig empfunden werden, weil sie im vertrauten Klang daherkommen. "Man sieht sich" beim Abschied ist dem Ausdruck "See you" nachgebildet. Statt "im Jahre 1999" (oder auch unmarkiertem "1999") wird heute immer mehr "in 1999" verwendet, das Anfang der 80er Jahre aufkam und sich in Wirtschaft und Bürokratie wie ein Lauffeuer ausbreitete.   


Zur Entstehung des Deutschen

"Die deutsche Sprache", wie sie von Sprachschützern gern emphatisch genannt wird, als Nationalsprache hat es in seinen Anfängen nicht gegeben. Genauso wie Französisch oder Englisch ist Deutsch das Produkt einer jahrhundertelangen Entwicklung, an deren Beginn zunächst einmal die Sprachen derjenigen Völker standen, die später zu einem staatsähnlichen Gebilde zusammenfanden. Diese - germanischen - Sprachen sind nicht in jedem Falle die direkten Vorläufer heutiger deutscher Dialekte. Das heutige Sächsisch z.B. hat mit dem Altsächsischen gar nichts zu tun, aus ihm sind die niederdeutschen Dialekte, das Friesische und teilweise auch das Englische (Angelsächsisch) entstanden. In den Gebieten östlich der Elbe, die im frühen Mittelalter hinzuerobert wurden, beeinflußte die Sprache der dort ansässigen balto-slavischen Völker die Sprache der Nachfahren der Eroberer, am extremsten ausgeprägt im ostpreußischen und schlesischen Dialekt ("scheen" statt "schön"). Zu den wendischen, prutzischen, schlesischen und polnischen Einflüssen kam später auch das Jiddische, das in den Großstädten der östlichen Provinzen von den dort lebenden Juden gesprochen wurde. An der häufiger verschobenen Westgrenze des Deutschen Reiches machte sich der Einfluß des Französischen bemerkbar.

Die schriftsprachliche Verwendung der germanischen Sprachen im Ostfrankenreich ist der Initiative Karls des Großen und Ludwigs des Deutschen zu verdanken, die damit eine Selbständigkeit gegenüber dem stärker romanisierten Westfrankenreich betonen wollten. Die Schaffung einer Nationalsprache, was eine Vorrangstellung von Fränkisch gegenüber Alemannisch, Bairisch (zusammen mit dem Langobardischen der Lombardei zu Althochdeutsch zusammengefaßt) und Sächsisch (Altniederdeutsch und Angelsächsisch bezeichnen dieselbe Sprache in ihren dialektalen Varianten) bedeutet hätte, war nicht intendiert.

Auch muß durchaus die unter den fränkischen Merowingern unter Chlodwig (482-511) begonnene Strategie der Verschmelzung von Galloromanen und Franken in ein gemeinsames Staatswesen als politisches Erfolgsrezept gewertet werden, war die Dauer der anderen Germanenreiche — Vandalen im Maghreb (429-534), Westgoten in Aquitanien (419-507) und Spanien (507-711), Ostgoten in Italien (493-553), Langobarden in Italien (568-774), Burgunder im Rhônetal (443-543) —, die sich allesamt durch kolonialistische Separationspolitik auszeichneten, doch wesentlich beschränkter. Man könnte schließen, daß nationale Ambitionen im Sinne einer Einheit von "völkischer" Abstammung, Kultur und Sprache damit schon aufgegeben waren, bevor sie jemals formuliert wurden. M.a.W.: Nationalismus ist eine Regressionsphantasie zu einem Rousseau'schen Paradies, das es nie gegeben hat.

Der Wille zur Selbständigkeit zeigt sich auch darin, daß mit Heinrich I. 919 die Herrschaft von der ausgestorbenen Linie der ostfränkischen Karolinger, nachdem Konrad I. von Franken sich 911-918 nicht durchsetzen konnte, auf die sächsische Dynastie der Ottonen übergeht, anstatt sich dem Karolingerherrscher in Westfranken anzuschließen und damit die Reichseinheit wiederherzustellen. Nach der Untwerfung des Gegenkönings Arnulf von Bayern 921 und der Rückkehr Lothringens ins Ostreich 925 wird schon Heinrichs I. Sohn Otto der Große 936 von den Herzögen des Ostreichs unterstützt (der letzte traditionelle Stammesherzog, Tassilo von Bayern, war schon 788 von Karl dem Großen eliminiert worden, auch wenn sich neue Stammesherzogtümer durch die Auflösung der Zentralgewalt unter Ludwig dem Kind 900-911 bildeten). 939 kommt es zu einem Aufstand der Herzöge Eberhard von Franken und Giselbert von Lothringen, die in der Schlacht von Andernach von Hermann von Schwaben geschlagen werden. In der Folge wird Franken eingezogen, Lothringen geht an Konrad den Roten, Bayern an Ottos ehemaligen mitaufständischen Bruder Heinrich, Schwaben an Liudolf, alles Ottos Verwandte. Ethnizität und Herkunft sind durch diese letztlich kolonialistische Strategie (ironischerweise von Seiten von Sachsen, die die Opfer der Pogrome Karls "des Großen" 772-804 waren) als politischer Faktor endgültig eliminiert, auch wenn es 953/4 nochmals zu einem Aufstand von Liudolf und Konrad dem Roten kommt, infolge dessen Schwaben an Burkhard III. und Lothringen an Ottos Bruder Brun, Erzbischof von Köln, geht. Nach Ottos "Rettung des Abendlandes" durch seinen Sieg über die Ungarn auf dem Lechfeld und die Slaven an der Recknitz 955 wird im Jahr 962 seine deutsche Königskrone mit Zustimmung des Papstes auf Dauer mit der römischen Kaiserkrone verbunden. Die bevorzugte Sprache in einem Reich, das sich als heiliges römisches, wenn auch deutscher Nation verstand, wird — längst nicht nur in klerikalen, sondern gerade auch säkularen Kontexten — bis zu dessen Ende 1806 Latein bleiben (auch wenn Herrscher es nicht unbedingt beherrschten). Ironischerweise trug man damit auch zum Siegeszug des Französischen als Diplomatensprache bei, denn die Franzosen hätten in Verhandlungen und Vertragsabfassungen vom Westfälischen Frieden 1648 bis zum Frieden von Rastatt 1714 sehr wohl Deutsch akzeptiert, nicht jedoch Latein.

Ein derlei beschaffenes staatliches Gebilde war natürlich anfälliger für die katastrophalen Entwicklungen der Bauernkriege und der Reformation, die kein anderes Land religionspolitisch so tief spalten und den Verheerungen des 30-jährigen Krieges aussetzen konnte. Diese Demoralisierung zeigt sich auch in der Hinwendung zum Französischen der Ober- und Mittelschicht. Eltern hielten ihre Kinder an, mit ihnen und untereinander möglichst nur noch Französisch zu sprechen und den Gebrauch der Muttersprache auf das Hauspersonal zu beschränken. Voltaire schrieb gar in einem Brief, als er sich 1750 am Hof Friedrichs in Berlin aufhielt: "Ich bin hier in Frankreich. Man spricht ausschließlich unsere Sprache. Deutsch ist nur für den Umgang mit Soldaten und Pferden nötig".

Last Update: 13.08.12

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