Ein Stammbaum der germanischen Sprachen hätte in etwa wie folgt auszusehen:

                           Germanisch
                                |
 +----------------------------------------------------------------------+
 |                                                                      |
Nordisch-Gotisch (Ostgermanisch)                                  Südgermanisch (Westgermanisch)
 [...]                                                                  |
        +-------------------------------------------------------------------------------------------------------------+
        |                                                                                    |                        |
 Elbgermanisch                                                                    Weser-Rhein-Germanisch          Nordseegermanisch
        |                                                                                    |                        |
  +-------------------------------------------------------------------------+          +----------+        +-------------------------------+
  |              |                |              |             |            |          |          |        |         |           |         |
Seminonisch  Hermundurisch  Langobardisch  Markomannisch-  Bairisch  Alemannisch   Fränkisch  Hessisch   Friesisch  Anglisch  Sächsisch  Jütisch-
                                           Quadrisch                                                                                    Kentisch

Bemerkenswert ist, daß bei der deutschen Hochsprache das Stammbaummodell an seine Grenzen stößt, während man Niederländisch immerhin noch als Fortsetzung des Niederfränkischen, das Niederdeutsche als Fortsetzung des Ostsächsischen, sowie das Altenglische als Fortsetzung des Westsächsischen, Anglischen und Jütisch-Kentischen identifizieren kann.

Interessanterweise wird "Hochdeutsch" von Laien sozial gelesen, während es in germanistischem Sprachgebrauch diejenigen Dialekte bezeichnet, die der 2. germanischen Lautverschiebung unterworfen wurden, die vom Alpenraum ausging und auch am konsequentesten in den dortigen (schweizer und tiroler) ursprünglich verschiedenen Sprachen durchgeführt ist. Sie konstituiert die Abspaltung des Hoch- oder Oberdeutschen als fürderhin vom Niederdeutschen getrennte Sprache. Sprachverwandtschaft ist — für den Laien zunächst vielleicht überraschend anmutend — nicht gemeinsame Herkunft, sondern gemeinsame Innovation. Die nur teilweise Realisierung — andernfalls müßte z.B. es überall wie im Altbairischen perg und kott statt Berg und Gott lauten — auch im modernen Alemannischen und Bairischen ist typisch für den ausgleichenden Einfluß einer hochsprachlichen Norm. Es handelt sich also nicht einmal um ein ebenfalls auf räumlicher Anordnung basierendes zum Stammbaum- komplementäres Wellenmodell. Diese Norm kann durchaus auch sich über Sprachgrenzen hinweg verschieben, etwa wurde sie zur Zeit der Hanse vom Lübecker Platt repräsentiert, während heute alle niederdeutschen Varietäten unter einer gemeindeutschen Norm stehen. Durch separatistische Sprachpolitik ausgegliedert hiervon sind hingegen die (hochdeutschen) Varietäten des Alemannischen, die im Elsaß gesprochen werden, sowie das Letzeburgische.