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Sprache Deutsch: Was ist Rechtschreibung?

 
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Von Orthographien und Reformen
Was ist Rechtschreibung?
Die Folgen der Rechtschreibreform
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Deutsch als Obrigkeitssprache 1(1999)
Deutsch als Obrigkeitssprache 2(1999)
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"Orthography is a very delicate matter to deal with, it has to do not directly with sounds but with the mental representation of words (lexical and functional elements and their relations): this is not just a generative point of view (Chomsky and Halle 1968, p.49), linguists and grammarians of the XVII-XIXc, undertaking the description of dialects without an official orthography (spelling) realized that it is impossible to have a natural spelling that directly reflects the sound of a language; there has to be a discrepancy between sounds and signs, as a consequence of morphological alternations and related phonological rules. Orthography, with its apparent inconsistency, has the task to express morphological relations between lexical elements and maintain recognizable the lexical basis of all 'lexical families'. Spelling reforms affect a very subtle (and not always evident) net through which the linguistic elements of a language are held together."

Paola Beninca', Dipartimento di Linguistica, Padova (Italia), in linguistlist

Mündlichkeit und Schriftlichkeit in der Sprache

Produktion — wie auch Rezeption — oraler und schriftlicher Texte sind zwei sehr unterschiedliche sprachliche Prozesse, die sich durch Unmittelbarkeit der Einbindung in einen außersprachlichen Kontext vs. selbstreflexive Kreation — respektive Rekonstruktion — eines eigenen Kontextes (Scollon, Ronald & Suzanne B.K. (˛1983): Narrative, Literacy, and Face in Interethnic Communication. (Advances in Discourse Processes, 7) Norwood, NJ: Ablex), Geschwindigkeit und Art der Verarbeitung (linear-sequentiell oder eben nicht) unterscheiden. Muttersprachlern erscheinen daher Texte, wie sie sie zunächst schreiben lernen, als von der eigentlichen Lebenswelt abgehoben; soziale Verankerung der Texte sind bestimmte schulische Vorgänge, ihre Zielsetzung hat mit eigenen Bedürfnissen nichts zu tun, außer dem einen, beim Lehrer einen positiven Eindruck zu hinterlassen und eine gute Note zu erhalten. Erst später folgen private Texte (Postkarten-, Brief-, vielleicht Tagebuchtexte). Das heißt, daß die Fähigkeit zu schreiben, in einem den Kinder und Jugendlichen letztlich äußerlichen funktionalen Zusammenhang gelernt wird.

Die meisten Menschen schaffen es folglich später auch nur, offizielle Briefe zu schreiben wie Bewerbungen, Behördenbriefe usw., und selbst das nur mit Schwierigkeiten; das private Schreiben wird im Zeitalter der Telekommunikation gern nicht wahrgenommen. Lediglich der Zwang, sich beruflich zu qualifizieren, bringt viele dazu, über das Minimum an Schreibpraxis hinaus gewisse Formulierungsfähigkeiten zu entwickeln. Facharbeiten, der Umgang mit wissenschaftlicher Literatur, Abschlußarbeiten, später Sachtexte zu allen möglichen Zwecken verlangen ein großes Maß an Anpassung an entwickeltere Stilarten und Textsorten.

Laut-Schrift-Relation

Die Rechtschreibreform wurde u.a. mit der Begründung vorgestellt, die Laut-Schrift-Relation besser gestaltet zu haben. Diese Relation ist nach obigem tatsächlich eine Fiktion. Die meisten Menschen lernen ihre Sprache innerhalb ihres Dialektgebiets; selbst diejenigen, die eine an das Standarddeutsche angenäherte Sprache verwenden ("regionale Standardsprache"), sind nicht frei von ihrem jeweiligen dialektalen Umfeld: ihre Sprache ist "eingefärbt". Die korrekte Aussprache von Wörtern wird indessen mit Hilfe der erworbenen schriftsprachlichen Kenntnisse umgesetzt. Damit besteht eine gerichtete Beziehung von der Text- zur Lautgestalt eines Wortes, aber nicht umgekehrt, wie in Rechtschreibwörterbüchern immer behauptet wird.

Standarddeutsch ist die Umsetzung einer bestimmten schriftlichen Norm in die Aussprache nach definierten Regeln: Das Zeichen x wird in der Umgebung a so gesprochen, in der Umgebung b anders; Beispiel: die sehr stark differierende Aussprache des Zeichens "r", das Konsonanten ("rot", "Brot"), einem Diphthongteil ("der"), einem Längungszeichen ("Bart") oder einem Vokal ("Ufer") entsprechen kann.

Im Deutschen existieren nicht nur die drei bekannten Diphthonge ([aI] = "ei/ai/ay/ey", [OY] = "eu/äu", [aU] = "au"), sondern noch weitere durch auslautendes "-r[- | Konsonant]". In den "offiziellen" Regelwerken wird diese Laut-Schrift-Relation nicht angemessen wiedergegeben. Hier die Beschreibung auf der SAMPA-Homepage:

The vowel realisation of <r>, represented as 6, fuses with schwa (The unstressed "schwa" vowel is:
@ | bitte | "bIt@
), but it also follows stressed vowels, resulting in additional centring diphthongs:

Symbol Word Transcription Diphthong
6 besser "bEs6  
i:6 Tier ti:6 i:6
I6 Wirt vI6t I6
y:6 Tür ty:6 y:6
Y6 Türke "tY6k@ Y6
e:6 schwer Sve:6 e:6
E6 Berg bE6k E6
E:6 Bär bE:6 E:6
2:6 Föhr f2:6 2:6
96 Wörter "v96t6 96
a:6 Haar ha:6 a:6
a6 hart ha6t a6
u:6 Kur ku:6 u:6
U6 kurz kU6ts U6
o:6 Ohr o:6 o:6
O6 dort dO6t O6

Zur Lautschrift und diesem Passus, der hier um die Diphthongspalte erweitert ist, siehe SAMPA for German. Deutsche Fassung SAMPA-D-VMlex. Die Tabelle mit IPA-Font (Internationale Lautschrift) als PDF-Datei.

Langer vs. kurzer Vokal

Eine Regel wie "das stimmlose [s] nach kurzem Vokal wird nicht mehr 'ß', sondern 'ss' geschrieben, nach langem Vokal 'ß'" ist für jene Sprecher, deren Vokallängen von der Standardaussprache abweichen, eine permanente Fehlerquelle. Da hilft auch nicht der wohlfeile Ratschlag, doch bitteschön gut zuzuhören. Jeder Sprachpädagoge kennt das Problem, daß der Lerner nur das hört, was er kennt.

Schriftsprachliche Regeln sollten so beschaffen sein, daß sie von unterschiedlichen Dialektsprechern nicht unterschiedlich ausgelegt werden können. Sinnvoller wäre es gewesen, sie an der Schriftsprache selber zu orientieren. Eine wirkliche Reform wäre allerdings gewesen, die Doppelschreibung des "s" generell einzuführen oder ganz abzuschaffen. Ein Satz wie "Ich las das Gepäck abholen" irritiert jedoch, weil "las" zugleich das Präteritum von "lesen" ist. Andererseits wird von vielen Schreibern gern "das" genommen, wo "daß" bzw. reformdeutsch "dass" stehen muß. Im Deutschen gibt es im übrigen keine durchgängige Konsonantenverdopplung nach kurzem Vokal: "Bus" schreibt man immer noch "Bus", vielleicht weil es ein englisches Wort ist. Dagegen variiert die Aussprache von "grob": manche sprechen den Vokal lang, andere kurz.

Schriftbild und Assoziationen

Während Leser und Schreiber sich an das "ss" in "Hass" oder "muss" gewöhnen kann, zumal es im Internet üblich ist, generell "ss" zu schreiben, also auch in "Gruss", "Busse" (hier entscheidet nur der Kontext, ob Plural "Bus" oder die religiöse Übung gemeint ist), bieten andere reformdeutsche Neuerungen reichlich Irritationen.

Bisherige Schreibung
(< Herkunft)
Reformdeutsche Schreibung
(< Herkunft)
Kommentar
plazieren (< frz. placer) platzieren (< Platz) Warum nicht auch "spatzieren"
(< Spatz)? Wenn man aus einem Fremdwort eine Lehnübersetzung machen will, sollte dies konsequent geschehen, anstatt eine neue Spreizung des Ausdrucks vorzunehmen.
selbständig (<'selb' + ständig) selbstständig ('selbst' + ständig) Beide Formen sind sprachgeschichtlich legitim, wobei die Form "selbständig" letztlich die - bisherige - Aussprache des Wortes wiedergibt. Falls sich das Doppel-"st" durchsetzt, wird es möglicherweise zum Zungenbrecherwort mutieren.
Aus den FAQ der Newsgroup de.etc.sprache.deutsch:

»selbst«, von mhd. »selb(e)s« mit unorganischem »t«, ist ein erstarrter Genitiv Singular, »selber« ein erstarrter starker Nominativ Singular Maskulinum zu »selb«. »selb«, verwandt mit engl. »self«, kommt heute fast nur noch vor in »selbig«, »der-/die-/dasselbe« sowie getrennt bei vorangehender Präposition, die mit einem Artikel verschmolzen ist (»zur selben Zeit« aus »zu derselben Zeit«), oder mit Demonstrativpronomen. Formen wie »selbander« (zu zweit) und »selbdritt« (»er kam selbdritt« = »selbst als Dritter« = »mit zwei anderen« = »sie kamen zu dritt«) usw. sind veraltet.

Vor diesem Hintergrund erscheint es nicht ungewöhnlich, daß man sich in älterer Sprache für Zusammensetzungen zunächst der Stammform »selb« bediente; laut Grimm überwog »selbständig« zunächst deutlich. Erst später, nachdem »selbst« über seine ursprünglichen grammatikalischen Grenzen hinaus zur Normalform geworden war, begann man, davon abzuweichen. Heute ist einzig »selbst« noch produktiv und »selbständig« das einzige noch gebräuchliche »selb-«-Kompositum. Im Grimm selbst wurde noch 1900 »selbstständig« verteidigt.

belemmert (< nl. belemmeren) belämmert (< Lamm) Das Wort ist ein Nebenkriegsschauplatz, aber kennzeichnend für die Methode: Die ursprüngliche Bedeutung ist verblaßt, also wird einfach eine assoziative Verbindung als neue "Stammform" ausgegeben. Die reale Wortgeschichte wird abgeschnitten und eine neue konstruiert.
Greuel (< mhd. griuwel) Gräuel (< Grauen) Hier wird der Stamm mhd. "gruwen" > nhd "grauen" verwendet.
greulich (< Greuel) gräulich (< Gräuel) "Mit Hilfe dieser gräulich marmorierten Visitenkarten knüpfen Sie feste und unvergängliche Kontakte!" (aus einer Werbung) Die Bedeutung der neuen Form erschließt sich nur über den Kontext, in dem das Wort verwendet wird.
schneuzen (< mhd. sniuzen, verwandt mit norddt. Schnut) schnäuzen (< Schnauze) Zwar gibt es eine Verwandtschaft zu "Schnauze", aber die Bedeutung ist "schnauben" (= gelösten Nasenschleim aus der Nase ausblasen). 
bleuen (< mhd. bliuwen)
= schlagen
bläuen (< blau)
blau machen, blau einfärben; umgangssprachl. schlagen)
Dazu Hermann Paul, Deutsches Wörterbuch, Tübingen 1966: "... durch Volksetymologie an blau angelehnt (und dann fälschlich bläuen geschrieben), mit dem es nicht verwandt ist." Auch die Bedeutung dieses Reformdeutschwortes kann nur noch aus dem Kontext erschlossen werden.
Tip (< engl. tip) Tipp (< tippen) Warum jetzt mit "pp"?  Warum nicht auch "topp", "Toppmanager"? "Fittness"? "mitt"?
Eltern Eltern Hier trauten sich die Reformer nicht, "Ältern" (< alt) zu nehmen. Vermutlich, weil sie sonst garantiert auf 100%ige Ablehnung gestoßen wären.
Flußsand Flusssand / Fluss-Sand Wenn es offiziell zu dem unleserlichen "Flusssand" schon die Alternative "Fluss-Sand" gibt, dann kann man sich ausmalen, wohin die Reise geht: "Schiff-Fahrt", "Sauerstoff-Flasche", "Schnee-Eule", "Tee-Ernte" usw.

Bruch der schriftlichen Tradierung

Grundsätzlich spricht gegen die Reform, daß sie die schriftliche Tradierung stört. Etliche Bücher müssen neu gedruckt werden, die meisten werden es aber schon aus Kostengründen nicht. Damit sind auch Schüler gezwungen, die alte Rechtschreibung als eine gültige Varietät des Schriftdeutschen zu lernen. Den Zugang zu älteren Texten, die zahlreich in Bibliotheken und auch im Buchhandel erhältlich sind, kann man durch die Radikalität einer Reform beliebig erschweren, bis hin zur Notwendigkeit, alte Bücher nur noch nach einem entsprechenden Studium lesen zu können (Beispiel: die "Vereinfachung" vieler Schriftzeichen in China 1948 oder die gänzliche Abschaffung chinesischer Schriftzeichen in Nordkorea, während sie in Südkorea noch neben der eigenen Schrift verwendet werden, die wie indische, äthiopische und die für Inuktitut, Dene, und eine Reihe von Algonkinsprachen wie Blackfoot und Cree verwendeten Schriften dem Akshara-Prinzip folgt, also im wesentlichen Silbenzeichen aus alphabetähnlichen Einzelkomponenten zusammensetzt).

Last Update: 29.08.12

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